
Anpassbare Bäder erfüllen Zukunftsansprüche
Interview mit Thomas Meißner
(dh-red/abb) Hohe Kosten der stationären Pflege mit durchschnittlich über 3.000 € Eigenanteil monatlich und wachsender Pflegenotstand verstärken den Wunsch, lange im eigenen Heim zu bleiben. Damit rückt das häusliche Bad in den Mittelpunkt: als Ort der Körperpflege, als Arbeitsplatz für Pflegekräfte und Angehörige und als Raum für Wohlgefühl und möglichst langes selbstbestimmtes Handeln.
Die aktuelle Forsa-Studie „Die Deutschen und ihre Bäder“ kommt zu dem Ergebnis, dass rund 7 Millionen Bäder in Deutschland renovierungsbedürftig sind. Mit Blick auf den demografischen Wandel steigt damit der Druck, sie konsequent altersgerecht und barrierefrei umzubauen.
Vor diesem Hintergrund spricht Daniela Heinemann für die Aktion Barrierefreies Bad mit Thomas Meißner, Pflegeexperte, Unternehmer und Mitglied im Deutschen Pflegerat, über Anforderungen an zukunftsfähige Bäder, den Pflegealltag und die Rolle von Politik und Gesellschaft.
Flexible Bäder anstatt spezialisierte
Aktion Barrierefreies Bad (ABB): Herr Meißner, viele Diskussionen drehen sich um „altersgerechte“, „barrierefreie“ und „pflegegerechte“ Bäder. Daher haben wir zu diesem Themenkomplex die Broschüre „Passende Bad-Lösungen im Vergleich: Altersgerecht. Barrierefrei. Pflegegerecht.“ herausgegeben, in der die Unterschiede dieser drei Badezimmer-Ausführungen übersichtlich dargestellt werden. Unser Ziel ist es, Orientierung zu schaffen, weil diese Begriffe im Alltag oft synonym verwendet werden. Wenn Sie an die Zukunft denken: Wie sollten Bäder grundsätzlich geplant werden, damit sie für möglichst viele Menschen nutzbar sind?
Thomas Meißner: Zunächst einmal halte ich es für überholt, Bäder primär für bestimmte Gruppen zu planen – also zum Beispiel „für Pflegebedürftige“ oder „für Menschen mit Behinderungen“. Wir müssen Wohnraum und Bäder so denken, dass sie unterschiedlichen Lebensphasen und sehr verschiedenen Nutzern gerecht werden können, von der jungen Familie bis zum alten Menschen, der auf Hilfe oder Hilfsmittel angewiesen ist. Die Vorstellungen, wie Menschen ihr Bad nutzen möchten, sind zudem extrem unterschiedlich: Die einen brauchen viel Platz, andere legen mehr Wert auf Licht, Atmosphäre oder Ablagemöglichkeiten, deshalb sollten wir Bäder so flexibel gestalten, dass sie sich an veränderte Bedürfnisse anpassen lassen.
ABB: Welche baulichen Mindestanforderungen im Bad halten Sie heute für unverzichtbar – unabhängig davon, ob jemand bereits pflegebedürftig ist oder nicht?
Meißner: Eine Türbreite von unter 90 Zentimetern sollte im Bad heute nicht mehr verbaut werden, weil spätestens mit Rollator, Rollstuhl oder einer begleitenden Person viele schmale Türen zum echten Hindernis werden. Wichtig sind außerdem rutschhemmende Böden, die auch bei Feuchtigkeit noch sicheren Stand bieten, und eine sinnvolle Anordnung von Spiegeln und Armaturen für Menschen unterschiedlicher Körpergrößen oder für Personen im Sitzen. Ebenso unverzichtbar sind eine gute Belüftung und Beheizung, damit es weder zu Schimmelbildung noch zu Zugluft und Auskühlung kommt – gerade ältere Menschen frieren leicht, und Pflegehandlungen in einem zu kalten oder schlecht belüfteten Bad belasten alle Beteiligten.
ABB: Sie haben die Vielzahl von Anforderungen an Bäder angesprochen. Was sollte Ihrer Meinung nach bei einem Badumbau unbedingt mitgedacht werden, auch wenn diese Ausstattung vielleicht erst später benötigt wird?
Meißner: Besonders wichtig ist, schon bei der Planung an zukünftige Anforderungen zu denken – vor allem bei baulichen Maßnahmen, die sich nur mit großem Aufwand nachrüsten lassen. Dazu gehören Verstärkungen in Wänden für Haltegriffe oder Deckenkonstruktionen für Lifter-Schienen-Systeme.
Auch die Reinigung und Hygiene gehören dazu: Die Materialwahl spielt hier eine große Rolle. Oberflächen und Sanitärprodukte müssen leicht zu reinigen sein und sollten nicht schnell verschmutzen. Das ist besonders für Menschen mit eingeschränkter Mobilität wichtig. Dazu gehören langlebige Fugenmittel, leicht zu reinigende Sanitärprodukte mit speziellen Anti-Kalk-Beschichtungen und Fliesen mit geringer Verschmutzungsneigung.
Gleichzeitig braucht es die technische Basis für Smart-Home-Lösungen, Notrufe und Sensoren – mit genügend Steckdosen, Kabeln und WLAN-Abdeckung im Bad.
ABB: Viele Menschen planen einen größeren Badumbau im mittleren oder höheren Lebensalter. Welchen Rat geben Sie Renovierern, damit ihr Bad auch bei veränderten Lebenssituationen später noch gut nutzbar bleibt?
Meißner: Ich würde weniger in Kategorien wie „klassisch“ oder „pflegegerecht“ denken, sondern überlegen: Welche Anforderungen könnten in zehn oder zwanzig Jahren an dieses Bad gestellt werden? Dabei spielen nicht nur Pflegebedürftigkeit, sondern auch Unfallfolgen, zeitweilige Mobilitätseinschränkungen oder schlicht das Älterwerden eine Rolle. Wer heute umbaut, sollte deshalb die bereits angesprochenen Aspekte wie Türbreite, Bewegungsflächen, Beleuchtung, Ablagemöglichkeiten, die mögliche Nutzung im Sitzen, Smart-Home-Optionen und bauliche Vorbereitungen für Haltegriffe oder Lifter mitdenken, selbst wenn nicht alles sofort installiert wird.
Bad als Lebens- und Arbeitsraum
ABB: Welche Rolle spielt ein gut geplantes, barrierefreies Bad, damit Pflege zu Hause dauerhaft leistbar bleibt – für Pflegebedürftige, Angehörige und ambulante Dienste?
Meißner: Ambulante Dienste versorgen seit Jahrzehnten Menschen in sehr unterschiedlichen Bädern und bekommen die Pflege in der Regel organisiert – aber je schlechter ein Bad geplant ist, desto höher ist die körperliche und zeitliche Belastung für Pflegekräfte und Angehörige. Ein gut geplantes Bad mit ausreichendem Platz, guten Zugängen, ebenerdiger Dusche und sinnvollen Haltemöglichkeiten erleichtern Transfers, Körperpflege und Hilfestellung deutlich. Damit wird Pflege zu Hause nicht nur sicherer und würdevoller für die Pflegebedürftigen, sondern auch physisch weniger belastend für die Menschen, die dort arbeiten.
ABB: Welche Situationen aus dem Pflegealltag im Bad verdeutlichen besonders, wo die größten Probleme liegen?
Meißner: Das größte Problem ist in vielen Bestandsbädern schlicht der Platz – etwa wenn eine zweite Person kaum neben die Badewanne oder an die Toilette kommt oder die Tür nach innen aufschlägt und im Notfall den Zugang versperrt. Dazu kommen fehlende oder ungünstig positionierte Ablageflächen, schlechte Belüftung und Spiegel, die sofort beschlagen, sowie eine unzureichende Beleuchtung, unter der selbst simple Tätigkeiten wie Rasieren oder Haare frisieren schwierig werden. Wer einmal versucht hat, in einem engen Bad einen stürzenden Menschen zu versorgen oder über eine Wanne hinweg zu helfen, versteht sehr schnell, wie wichtig Bewegungsflächen, Türanschlag, Duschzugang und ebenerdige Lösungen sind.
ABB: Wie lässt sich bei der Badplanung die Balance halten zwischen Sicherheit, guter Arbeitsumgebung für Pflegekräfte und dem Wunsch der Menschen nach Intimsphäre und Wohlfühlen?
Meißner: Sicherheit und Praktikabilität dürfen nicht gegen Wohlfühlen ausgespielt werden – ein Bad muss funktional sein, aber der Mensch soll sich dort auch gerne aufhalten. Deshalb braucht es flexible Lösungen, etwa durch Möbel, Sitzgelegenheiten, leicht zu nutzende Hilfsmittel und eine Gestaltung, die sowohl Platz für Unterstützung lässt als auch Zonen der Intimsphäre schafft. Entscheidend ist, dass die individuellen Wünsche der Nutzerinnen und Nutzer ernst genommen werden: Was der eine als ideal empfindet, kann für den anderen unpassend sein, daher sollten Fachleute immer die persönliche Perspektive abfragen, statt nur aus Expertenblickwinkel zu planen.
Beratung mit Praxisnähe
ABB: Sie fordern praxisnahe Beratung, die die individuellen Wünsche der Nutzer ernst nimmt. Welche Rolle spielen ambulante Pflegedienste, Wohnberatung und Installateure bei der Planung von Badumbauten?
Meißner: Grundsätzlich sollten diejenigen beraten, die wissen, was im Alltag tatsächlich funktioniert – in der Pflege also Menschen, die regelmäßig in Wohnungen unterwegs sind und die typischen Probleme kennen. Gleichzeitig ist der Sanitär-Handwerker entscheidend, weil er die baulichen Möglichkeiten einschätzen und konkrete Lösungen umsetzen kann. Ideal ist, wenn Pflege, Wohnberatung und Handwerk zusammenarbeiten und sich vor Ort ein Bild machen, statt nur im Schauraum oder im Beratungsbüro allgemeine Empfehlungen zu geben.
ABB: Der Zentralverband Sanitär, Heizung, Klima (ZVSHK) hat eine Schulung zur „pflegegerechten Badgestaltung“ für Installateure entwickelt. Was erwarten Sie von solchen Qualifizierungen – und was braucht das Handwerk, um Kunden im Bestand realistisch und zugleich vorausschauend beraten zu können?
Meißner: Solche Schulungen sind sehr wichtig, weil sie das Handwerk dafür sensibilisieren, das Bad nicht nur als schönen Raum, sondern als möglichen Pflege- und Arbeitsort mitzudenken. Installateure sollten einschätzen können, welche Türbreiten, Fliesen, Duschlösungen, Wandaufbauten oder Verstärkungen für spätere Hilfsmittel sinnvoll sind und wie sich das in die bauliche Situation integrieren lässt. Außerdem brauchen sie kommunikative Kompetenz, um Kundinnen und Kunden verständlich zu erklären, warum bestimmte Weichenstellungen jetzt wichtig sind, auch wenn die Betroffenen heute noch fit sind und sich mit Pflegebedürftigkeit ungern beschäftigen.
Kosten, Zuschüsse und Eigenverantwortung
ABB: In der Praxis klafft oft eine Lücke zwischen den tatsächlichen Umbaukosten und den Zuschüssen, zum Beispiel den maximal 4.180 Euro der Pflegekasse pro Person für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen wie z.B. den Badumbau. Wie erleben Sie diese finanzielle Belastung für Pflegebedürftige und Angehörige?
Meißner: Es wird immer eine Spannung geben zwischen dem, was Menschen sich wünschen, und dem, was finanziell möglich ist – das gilt im Übrigen für jeden Haushalt, nicht nur im Pflegekontext. Natürlich sind Badumbauten teurer geworden, und die Zuschüsse decken viele Vorhaben nicht vollständig ab, aber es wäre falsch zu erwarten, dass Staat oder Sozialversicherung jede individuelle Wunschlösung finanzieren. Menschen müssen Prioritäten setzen: Wer etwa bereit ist, auf manche Konsumausgaben oder Urlaubsreisen zu verzichten, kann sich eher einen hochwertigen Umbau leisten als jemand, der auf allen Feldern maximalen Komfort erwartet.
ABB: Wie wichtig sind aus Ihrer Sicht die von Ihnen soeben genannte Prioritätensetzung, frühzeitige Vorsorge und eigene Rücklagen für spätere Umbauten im Bad?
Meißner: Prävention und Vorsorge werden insgesamt noch unterschätzt – sowohl gesundheitlich als auch finanziell. Wer frühzeitig damit beginnt, Rücklagen zu bilden und bei größeren Investitionen wie einem Badumbau „mit Weitblick“ zu planen, steht später deutlich besser da, als jemand, der erst reagiert, wenn die Pflegebedürftigkeit bereits eingetreten ist. Entscheidend ist, sich nicht in die Illusion zu flüchten, dass der Staat alles richten wird, sondern zu fragen: Was kann ich selbst beitragen, damit ich im Alter möglichst selbstbestimmt und gut versorgt leben kann?
Politik, Gesellschaft und Prävention
ABB: Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie, dass wir alle weniger klagen und mehr Verantwortung übernehmen. Was bedeutet das konkret für Wohnen und Pflege im Alter?
Meißner: Jeder sollte sich weniger fragen, was das Land für ihn tun kann, und mehr, was er selbst für das Land und die Gemeinschaft tun kann – dazu gehört auch, die eigene Wohnsituation rechtzeitig zu durchdenken. Wer im dritten Stock ohne Aufzug wohnt und nie über Alternativen nachdenkt, darf sich später nicht wundern, wenn ein plötzlicher Umzug unausweichlich wird. Im Kleinen – in der Nachbarschaft, in der Familie, im eigenen Haus – zu Lösungen zu kommen, ist wichtiger, als ständig neue Forderungen an Politik und Systeme zu richten, ohne selbst ins Handeln zu kommen.
ABB: Wo sehen Sie konkrete Aufgaben der Politik, wenn es um Wohnraum, Normen und Förderung für altersgerechte Bäder geht – und wo ist eher die Gesellschaft gefragt, ihr Denken und Handeln zu verändern?
Meißner: Politik ist gefordert, verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen – etwa bei Bauordnungen, Normen, Förderprogrammen und der Stärkung pflegerischer Strukturen –, aber auch sie kann nicht alle Wünsche erfüllen, weil sie von demokratischen Mehrheiten und finanziellen Grenzen abhängig ist. Gleichzeitig sind wir als Gesellschaft gefragt, unser Anspruchsdenken zu überprüfen und zu akzeptieren, dass jede Ausgabe an der einen Stelle woanders Einschnitte bedeutet. Mehr Klarheit darüber, was machbar ist, und mehr Bereitschaft, Kompromisse einzugehen, würden vielen Debatten über Wohnen, Pflege und soziale Gerechtigkeit guttun.
ABB: Welche Botschaft würden Sie der jüngeren Generation mitgeben, wenn es um Vorsorge für das eigene Alter und das Thema Wohnen geht?
Meißner: Jüngere Generationen sollten sich rechtzeitig mit Verantwortung für ihr späteres Leben befassen – finanziell, gesundheitlich und mit Blick auf die eigene Wohnsituation. Ein sorgenfreies Leben ohne Risiken und Einschränkungen wird es nie geben, aber durch vorausschauendes Handeln lässt sich viel gestalten – auch beim Thema Bad und Pflege zu Hause.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Meißner.
Unser Aufmacherfoto zeigt Thomas Meißner. Foto: Anja Dorny
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