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Glossar
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4. August 2015

Nicht nur unterhalten, auch kümmern

Wie das smarte Bad für uns sorgt

(red-abb) Nicht nur in Deutschland macht man sich Gedanken über das Älterwerden. Auch in China ist der demografische Wandel ein vordringliches Thema. Unlängst hat sich ein großer Hersteller von Haushaltsgeräten dazu entschieden, Blutdruckmessstationen und Dusch-Klappsitze mit integrierten Brausen ins Sortiment aufzunehmen.„Das Thema ‚mobile home’ wird für uns immer wichtiger“, sagt Lillian Xiong, Sprecherin des Elektrokonzerns Haier, im Gespräch mit „Ärzte Zeitung Online“. Im Showroom der Firma im ostchinesischen Qingdao treffen Besucher deshalb nun neben Kühlschränken und Waschmaschinen auf Lösungen aus dem Bereich Ambient Assisted Living. Sie sollen die Mobilität von älteren Menschen in den eigenen vier Wänden sicherstellen. Noch mache der Gesundheitssektor am Unternehmensumsatz nur einen „sehr geringen Teil“ aus. „Gesundheitsthemen werden in der Zukunft jedoch eine wichtige Rolle spielen – in China, aber auch in anderen Nationen“, weiß Xiong. Man sei bereit.

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Personen, die über einen berührungsintensiven Boden laufen, lösen Sensorsignale aus, die zu einem Empfänger gefunkt und dort ausgewertet werden. So kann eine liegende Person von stehenden Personen unterschieden werden. Foto: Future-Shape
Vom intelligenten Fußboden bis hin zum Spiegel, der den Blutdruck anzeigt

AAL, die Kurzform von Ambient Assisted Living, umschreibt eine Vielzahl intelligenter Lösungen und Umgebungen. Sie passen sich ohne fremde Einwirkung den jeweiligen Bedürfnissen des Benutzers an, um ihn im täglichen Leben zu unterstützen. Vor allem ältere, behinderte und pflegebedürftige Menschen sollen von den auf Sensoren bzw. Smart Home-Technologien basierenden Systemen profitieren. Sie reichen vom berührungssensitiven Fußboden unter den Fliesen, der Licht einschaltet oder gestürzte Personen identifiziert, bis hin zum Spiegel, der den Blutdruck anzeigt und an ein telemedizinisches Zentrum übermittelt.

Mehr noch: Mit AAL sollen alle Menschen so lange wie möglich selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben können anstatt in einer öffentlichen Einrichtung. Ein Eingriff durch abwesende Familienmitglieder oder Pfleger ist jederzeit möglich, denn der betreuungsbedürftige Mensch kann sich durch einen Knopfdruck bemerkbar machen. In Deutschland kennt man den Begriff AAL seit gut 10 Jahren in der Fachwelt. Außerhalb davon ist er nur wenigen geläufig. Noch. „Mit der zu erwartenden demografischen Entwicklung wird der Begriff bald auch bei Endverbrauchern bekannter sein“, meint Jens J. Wischmann.

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Bei Dunkelheit schaltet sich automatisch die Außenbeleuchtung ein, im Wohnzimmer wird per App die Temperatur gesteuert und im Bad startet das Wohlfühlprogramm für den Feierabend: Im „Smart Home“ hat mit Entwicklungen von Dornbracht die digitale Zukunft rund um die zentralen Stichworte Komfort, Sicherheit und Energieeffizienz schon begonnen. Foto: Dornbracht
Mitdenkende Sanitärprodukte noch wenig gefragt

Bislang allerdings, gibt der Geschäftsführer der Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) und Sprecher der Aktion Barrierefreies Bad zu, stagniere die Verbreitung von Sanitärprodukten, die eine Adaption von Gesundheitsfunktionen vorsähen. Schade sei das. Schon vor Jahren habe das Fraunhofer-Institut gemeinsam mit verschiedenen Anbietern mitdenkende, selbsterklärende Ausstattungslösungen auf die Beine gestellt. Etwa ein WC, das jeden einzelnen Bewohner kenne und sich automatisch auf dessen Körpergröße einstelle. Oder einen Spiegelschrank, der über beleuchtete Piktogramme an Waschen, Zähneputzen und Kämmen oder via Stimme aus dem Computer an die Einnahme von Medikamenten erinnere. Vitalitätsdaten wie Blutzucker, Puls, Blutdruck und Gewicht anzuzeigen, sei auch kein Problem.

Dass diese Ausstattungslösungen trotz Serienreife nicht auf dem Markt seien, wundert Wischmann nicht wirklich. Einen Grund vermutet er in der geringen Nachfrage. Sie werde jedoch steigen: „Gegenüber digitalen Lösungen für Armaturen, Duschen oder Badewannen, die zur Entspannung und Unterhaltung beitragen, sind die Endverbraucher heute ebenfalls viel aufgeschlossener als noch vor einigen Jahren. So gesehen ist es zum smarten Bad mit integriertem Gesundheitsdienst kein großer Schritt mehr“, glaubt Wischmann.

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Pflegefall Deutschland? Bis 2050 könnte etwa jeder dritte Deutsche mindestens 65, jeder siebte 80 Jahre und älter sein, berechnete das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Foto: VDS/Shutterstock/gpointstudio
Deutschland ist schlecht vorbereitet

Wie China, das nach Expertenmeinung wie kaum ein anderes Land von den Herausforderungen der Überalterung überrollt werden wird, hat auch Deutschland vor den Auswirkungen des demografischen Wandels zu lange die Augen verschlossen. Bis 2050 könnte etwa jeder dritte Deutsche mindestens 65, jeder siebte 80 Jahre und älter sein, berechnete das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. „Deutschland ist darauf schlecht vorbereitet“, sagt Prof. Dr. Ursula Lehr, Bundesministerin a. D. und Vorsitzende des Vorstands der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. Die meisten Menschen wollten so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben. Jedoch seien die wenigsten dafür eingerichtet, weil ihre Wohnungen und Häuser aus Zeiten stammten, in denen Architekten die Generationentauglichkeit wenig gekümmert habe.

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Badewannen ohne Einstiegshilfe können im Alter leicht zur Stolperfalle werden. Neubauten sollten Lösungen für spätere Nachrüstungen beinhalten. Foto: VDS/Shutterstock/huntstockcc
Umbau im Bestand „mühselig und aufwändig“

Bei Immobilien vergleichsweise neueren Datums sehen Experten ebenfalls Probleme, weil viele Besitzer erst zu spät realisierten, wie wichtig barrierefreies Wohnen im Alter sei und dass man auf altengerechte Anpassungen vorbereitet sein müsse. Der Umbau im Bestand, erklärt Professor Thomas Jocher in einem Gespräch mit der „Deutschen Handwerks Zeitung“, sei eine unglaublich mühselige und aufwändige Prozedur. Nach Ansicht des Münchener Architekten und Direktors des Instituts Wohnen und Entwerfen an der Universität Stuttgart mache es viel mehr Sinn, den Neubau so zu planen, dass Umbauten nur in kleinem Umfang nötig seien.

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Von der bodenebenen Duschlösung bis zu moderner Telekommunikation und Sensor-Technologie: So könnte ein Bad mit Assistenzsystemen laut Sanitärspezialist Grohe einmal aussehen.  Foto: Grohe
Assistenzsysteme im Bad schaffen Erleichterung für alle

Die unter der Schirmherrschaft von Bundesbauministerin Dr. Barbara Hendricks stehende Aktion Barrierefreies Bad sieht das ebenso. Auch im Bad würden viele Probleme mit vorausschauender Planung gar nicht erst anfallen, so Sprecher Wischmann. Das beginne mit einer barrierefreien, bodenebenen Duschlösung und ende bei moderner Telekommunikation sowie fachgerechter Elektroinstallation mit ausreichend Stromanschlüssen und -kreisen für vollelektronische Duschen und Dusch-WCs, berührungslos funktionierende Armaturen, Notruf sowie Nacht- und Stimmungslicht.

Das barrierearme und mit aktiv assistierenden Systemen ausgestattete Badezimmer sei jedoch nicht allein eine Hilfestellung für die Zielgruppe der älteren und körperlich beeinträchtigen Menschen, sondern verbessere Komfort und Sicherheit in allen Lebensabschnitten. Ein Ansatz bzw. Aspekt, der laut Wischmann in der Bevölkerung mehr und mehr Beachtung finde, nicht zuletzt, weil über dem gesamten Anwendungsangebot von komfortorientiert bis medizinisch das Wort „Erleichterung“ schwebe. Und die wünschten sich wohl alle.

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Die realen Marktchancen für das digitalisierte Badezimmer stehen nicht schlecht. Das ergab eine von der VDS initiierte forsa-Erhebung. Grafik: VDS
Daumen hoch für Digitalisierung

Da passe es doch, dass den Deutschen laut einer forsa-Studie der Gedanke an ein vollautomatisches, sich an den Bedürfnissen des jeweiligen Nutzers orientierendes Bad gefalle. 16 Prozent der Befragten votierten angesichts dieser verlockenden Perspektive mit „sehr gut“, weitere 27 Prozent gaben die Note „gut“. 19 Prozent fanden das „weniger gut“ und 37 Prozent wollten sich damit derzeit „überhaupt nicht“ anfreunden. Das Ergebnis wertet Wischmann als klares Indiz dafür, dass die realen Marktchancen für das digitalisierte Badezimmer nicht schlecht stünden.

Ginge man noch weiter ins Detail, dann seien – gemessen an der Kategorie „sehr gut / gut“ – 18- bis 44-Jährige mit 47 Prozent (insgesamt 43 Prozent) und Haushalte mit vier Personen und mehr (49 Prozent) für das Hightech-Bad der Zukunft besonders aufgeschlossen. Gleiches gelte tendenziell für Frauen (45 Prozent), während es Männer erstaunlicherweise nur auf eine „Gefällt mir“-Quote von 40 Prozent brächten. Am Ende des Klassements rangiere die Altersgruppe „60plus“ mit 39 Prozent. Was, das findet nicht nur die VDS als Auftraggeber der Erhebung, aber immer noch ein guter Wert ist.

Teaser-Foto: Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS)